Arthrose – Wenn Gelenke sich verändern.
Gezielt handeln und beweglich bleiben
Was Arthrose ist, was hilft und welche Mythen sich hartnäckig halten.
Das Wichtigste zuerst
Arthrose ist eine strukturelle Gelenkveränderung, die über normales Altern hinausgeht.
Bewegung, Gewichtsmanagement und Wissen über die Erkrankung sind die wirksamsten Bausteine.
Röntgenbefund und Schmerz hängen oft nicht zusammen – viele Menschen mit Arthrose-Bild haben keine Beschwerden.
Was ist Arthrose?
Arthrose ist eine strukturelle Veränderung des Gelenks, an der alle Gelenkanteile beteiligt sind – besonders der Knorpel. Entzündungsbotenstoffe treiben den Abbauprozess mit voran. Am häufigsten betroffen sind Knie, Hüfte und Hände.
- Primäre Arthrose – ohne klar erkennbare Ursache; genetische, hormonelle, ernährungsbedingte und altersbedingte Faktoren spielen zusammen.
- Sekundäre Arthrose – Folge von Verletzungen oder Fehlstellungen.
Wichtig: Knorpel und Knochen haben keine Schmerzfasern. Schmerz entsteht an der Knochenhaut, durch gereizte Gelenkflüssigkeit oder ein Knochenmarködem – nicht durch den Knorpelverlust selbst. Deshalb passen Bild und Beschwerden oft nicht zusammen.
Arthrose ist nicht gleich Arthritis
Arthrose bezeichnet altersassoziierte Gelenkveränderungen ohne primär entzündliche Ursache (entzündliche Phasen können hinzukommen). Arthritis ist eine Entzündung eines oder mehrerer Gelenke – zum Beispiel bakteriell, autoimmun (rheumatoide Arthritis) oder stoffwechselbedingt (Gicht).
Diagnostik
Die Diagnose stützt sich auf das Beschwerdebild (Morgensteifigkeit, Bewegungseinschränkung), die Krankengeschichte, die körperliche Untersuchung und – wenn nötig – Bildgebung (Röntgen, MRT). Leitlinien empfehlen, den Menschen umfassend zu betrachten und nicht allein den Bildbefund.
Aus der Praxis
Herr Muster, 68, hat seit Monaten zunehmende Schmerzen im linken Knie, morgens steif, die Beugung eingeschränkt. Radfahren ist schmerzfrei, die ersten Schritte nach dem Sitzen fallen schwer. Weil es phasenweise auch beschwerdefrei ist, zögert er, sich Hilfe zu holen.
Was hilft
Bewegung und Lebensstil
Regelmäßige Bewegung reduziert Beschwerden und erhält die Muskelkraft rund um das Gelenk. Eine 8-wöchige Trainingsstudie zeigte deutlich bessere Ergebnisse bei Schmerz, Funktion und Lebensqualität als die Standardversorgung.
Bei Arthroseschmerz wirkt Bewegung vergleichbar gut wie Schmerzmittel – ohne deren Nebenwirkungen.
Gewicht
Ein Körpergewicht im gesunden Bereich entlastet die Gelenke. Bei Übergewicht ist schon eine Reduktion um rund 10 % wirksam; statistisch senkt jedes Prozent weniger Gewicht das Risiko für einen späteren Gelenkersatz.
Selbst aktiv werden
Leitlinien betonen Information und Aufklärung – vor allem aber „Empowerment": die Ermutigung, selbst Verantwortung zu übernehmen, statt in die Abhängigkeit von Behandlungen zu geraten.
Konservative Therapie: Bewegung, Gewichtsmanagement und Aufklärung greifen ineinander.
Training und Therapie greifen ineinander
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Sieben Mythen zu Arthrose
Beratungstermin vereinbarenViele Menschen mit Arthrose nehmen knackende oder reibende Geräusche in ihren Gelenken wahr – sogenannte Krepitationen. Diese Geräusche können zunächst beunruhigend wirken. Wichtig ist: Solche Geräusche sind meist harmlos. Studien zeigen, dass Gelenkgeräusche bei Arthrose ganz normal sein können. Manche Betroffene fühlen sich dadurch verunsichert, was sogar zu Bewegungsangst führen kann. Menschen mit diesen Geräuschen berichten häufiger über mehr Schmerzen und eine geringere Lebensqualität – obwohl ihre körperliche Funktion objektiv nicht schlechter ist als bei Personen ohne solche Geräusche. Krepitationen können mit einem etwas höheren Risiko für eine Arthrose einhergehen, vor allem bei älteren Menschen und Männern. Das bedeutet aber nicht, dass Geräusche automatisch gefährlich sind oder immer zu Arthrose führen (Reiff, 2025).
Die Entstehung von Arthrose ist komplex und hängt von verschiedenen primären und sekundären Faktoren ab. Dazu zählen unter anderem genetische Veranlagungen, hormonelle Einflüsse, Überlastungen, Verletzungen und Übergewicht (siehe Abschnitt „Doch was ist Arthrose?“). Zwar ist bekannt, dass das Risiko für Arthrose mit dem Alter steigt und Knorpelverluste häufig vorkommen, jedoch ist die Aussage, dass ab einem bestimmten Alter jeder unter Arthrose leidet, ein Mythos (Reiff, 2025).
Um Arthrose besser zu beurteilen, empfiehlt die AWMF in den Leitlinien für Hüftarthrose (Koxarthrose) und Kniearthrose (Gonarthrose) eine Kombination aus:
- Radiologischer Klassifikation: Bildgebende Verfahren wie Röntgen helfen, das Fortschreiten der Arthrose sichtbar zu machen.
- Klinischer Klassifikation: Patient*innen füllen Fragebögen aus, um die Beschwerden und Funktion einzuschätzen.
- Leider wird sich häufig zu stark auf den bildgebenden Befund konzentriert.
Eine Studie mit über 1200 Teilnehmer*innen mit hohem Arthroserisiko zeigte, dass die Verengung des Gelenkspalts im Röntgenbild und die Schmerzentwicklung unabhängig voneinander verlaufen (Halilaj et al., 2018). Das heißt: Ein fortschreitender radiologischer Befund bedeutet nicht automatisch mehr Schmerzen, und umgekehrt. Weitere Untersuchungen mit MRT zeigten, dass bei vielen Menschen, auch unter 40 Jahren, Arthrose-Merkmale sichtbar sind, obwohl sie keine Beschwerden haben. Ähnlich berichteten nur etwa die Hälfte der Menschen mit radiologisch festgestellter Kniearthrose über Schmerzen (Reiff, 2025).
Arthrose verursacht nicht nur reduzierte Lebensqualität und Einschränkungen der alltäglichen Aktivitäten, sondern auch hohe Kosten im Gesundheitssystem. Um dem entgegenzuwirken, sind präventive Maßnahmen wichtig und wirksam. Ein zentraler Bestandteil der Prävention ist die Reduktion von Risikofaktoren wie Übergewicht. In der Studienarbeit von Salis et al. (2022) zeigte sich: Jede Gewichtsreduktion um 1 % war bei Personen mit oder gefährdet für Kniearthrose mit einem um 2 % geringeren Risiko für einen Kniegelenkersatz verbunden. Bei Menschen mit persistierenden Hüftschmerzen ergab sich sogar ein 3 % geringeres Risiko für einen Hüftgelenkersatz. Kein solcher Effekt zeigte sich bei Hüften ohne Schmerzen zu Studienbeginn. Regelmäßiges, schmerzangepasstes Training hilft sowohl zur Vorbeugung als auch zur Behandlung von Arthrose, vor allem wenn, falls nötig, eine Gewichtsreduktion dabei stattfindet.
Die aktuelle Literatur und Leitlinien betonen einstimmig, dass ein aktiver Behandlungsansatz – unabhängig vom betroffenen Gelenk – zentral in der Arthrose-Therapie ist. Training führt nicht zu einem Fortschreiten der Arthrose, sondern verbessert Schmerz, Funktion und Lebensqualität. Zwar können anfangs leichte Beschwerden auftreten, diese sind jedoch nicht automatisch schädlich.
Auch in der Meta-Analyse „Comparative efficacy of exercise therapy and oral non-steroidal anti-inflammatory drugs and paracetamol for knee or hip osteoarthritis“ von Weng et al. (2023) konnte herausgefunden werden, dass Training bei Knie- und Hüftarthrose den gleichen positiven Effekt auf Schmerz und Funktion hat wie Schmerzmittel, beispielsweise das bekannte Paracetamol (Reiff, 2025). Manuelle Therapie, Massage sowie ergänzende Maßnahmen wie Elektrotherapie, Ultraschall und/ oder Wärme-, Kälteapplikation können unterstützend und/oder symptomlindernd wirken, Voraussetzung sollte aber immer eine begleitende Trainingstherapie sein. Vor allem für eine langfristige Verbesserung der Beschwerden werden Massagen und TENS daher nicht empfohlen (Kolasinski et al., 2020).
Sport ist demnach kein Mord, Bewegungstherapie kann in Kombination mit Edukation über Fachpersonal sogar die Notwendigkeit von Operationen, in diesem Fall den Einsatz einer Hüft-TEP, um 44% verringern (Svege et al., 2013).
Hyaluronsäure(HA)-Injektionen sollten nicht einfach routinemäßig Anwendung finden. Sie bieten höchstens geringe Effekte, die wissenschaftlich unsicher und klinisch fraglich relevant sind. Deshalb äußert sich die deutsche AWMF-Leitlinie (2024) im Bezug auf die Kniearthrose neutral zur Hyaluronsäure: Weder befürwortend noch ablehnend. Die in England geltende Leitlinie der NICE (2022) spricht sich sogar aktiv gegen die HA-Injektion zur Behandlung von Arthrose aus. Der klinische Nutzen der HA-Injektionen bleibt unklar & gering.
Vor der Indikationsstellung zur Hüft-TEP sollen Patient*innen mit symptomatischer Coxarthrose mit einer Kombination aus medikamentöser und nicht-medikamentöser konservativer Therapie behandelt werden. Zweiteres sollte dabei folgende 3 Kernelemente enthalten haben:
- Patient*innenempowerment (Information, Aufklärung und Beratung zur Erkrankung)
- Bewegungstherapie und Förderung der körperlichen Aktivität
- Gewichtsreduktion bei Patient*innen mit Übergewicht und Adipositas
Zudem muss ein radiologisch nachgewiesener fortgeschrittener Befund vorliegen. Bei der Hüfte beispielsweise Kellgren & Lawrence Grad 3 oder 4.
Wenn trotz leitliniengerechter konservativer Therapiemaßnahmen über mindestens drei Monate die Patientinnen über einen hohen subjektiven Leidensdruck berichten, kann ein operatives Therapieverfahren angebracht sein. Um dies messbar zu machen, sollten validierte Fragebögen in den Prozess der Entscheidungsfindung einbezogen werden. Kontraindikationen wie aktive Infektionen, BMI >40 oder akute/ chronische Begleiterkrankungen mit erhöhtem Sterberisiko, etc. sollten ebenfalls bei der partizipativen Entscheidungsfindung beachtet werden. Für die gemeinsam getroffene Entscheidung zur Hüft-TEP sollen sich Patientinnen und Operateur*innen darin einig sein, dass der zu erwartende Nutzen der Therapie die möglichen Risiken überwiegt (DGOU, 2021).
AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) (2024). S3-Leitlinie Gonarthrose (Nr. 187-050). https://register.awmf.org/assets/guidelines/187-050l_S3_Gonarthrose_2025-05.pdf
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Goh, S. L., Persson, M. S. M., Stocks, J., Hou, Y., Lin, J., Hall, M. C., Doherty, M., & Zhang, W. (2019). Efficacy and potential determinants of exercise therapy in knee and hip osteoarthritis: A systematic review and meta-analysis. Annals of Physical and Rehabilitation Medicine, 62(5), 356–365. https://doi.org/10.1016/j.rehab.2019.04.006
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Henriksen, M., Hansen, J. B., Klokker, L., Bliddal, H., & Christensen, R. (2016). Comparable effects of exercise and analgesics for pain secondary to knee osteoarthritis: A meta-analysis of trials included in Cochrane systematic reviews. Journal of Comparative Effectiveness Research, 5(4), 417–431. https://doi.org/10.2217/cer-2016-0007
Kolasinski, S. L., Neogi, T., Hochberg, M. C., Oatis, C., Guyatt, G., Block, J., … Bierma-Zeinstra, S. (2020). 2019 American College of Rheumatology/Arthritis Foundation guideline for the management of osteoarthritis of the hand, hip, and knee. Arthritis & Rheumatology, 72(2), 220–233. https://doi.org/10.1002/art.41142
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Weng, Q., Goh, S. L., Wu, J., Persson, M. S. M., Wei, J., Sarmanova, A., Li, X., Hall, M., Doherty, M., Jiang, T., Zeng, C., Lei, G., & Zhang, W. (2023). Comparative efficacy of exercise therapy and oral non-steroidal anti-inflammatory drugs and paracetamol for knee or hip osteoarthritis: A network meta-analysis of randomised controlled trials. British Journal of Sports Medicine, 57(15), 990–996. https://doi.org/10.1136/bjsports-2022-105898
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